Von Angela Diethelm-Wachter auf 29.3.2026
Kategorie: Stadtmusik

Rückblick - Carmina Burana

Carmina Burana

​Die ersten kraftvollen Klänge erklingen – die Wucht der Musik und des Chors lassen mein Herz schneller schlagen, eine Gänsehaut zieht sich mir vor lauter Ehrfurcht auf. Ich sitze inmitten des Geschehens, versuche mich auf meine Noten und die Intonation zu konzentrieren, nicht gänzlich unbeeindruckt von dem voll besetzten Saal im neu renovierten Theater. Es ist ausverkauft bis auf den letzten Platz. Irgendwo sitzen meine Familie und Freunde, die sich von meiner Begeisterung anstecken haben lassen und nun voller Vorfreude in Erwartung auf das sind, was denn nun alles folgen mag.

Ich bin nervös, hoffe, dass alles klappt, dass wir alle, auch der Chor, den Dirigierkommandos von Ruth folgen können. Ein grosses Spektakel, das sich nun zur vollen Grösse aufgebaut hat. Ich erinnere mich an die erste Probe gemeinsam mit dem Chor, staunend über die Anzahl der Schüler und Schülerinnen, die schon lange vor uns Musiker und Musikerinnen mit der «Carmina Burana» gestartet haben. Teenager, die sehr viel Zeit investiert haben, um heute endlich die Kür zu laufen, auf die sie sich so lange vorbereitet haben. Ich erinnere mich an den Moment, an dem ich erfahren habe, dass wir dieses kraftvolle Werk in dieser Besetzung, so wie wir heute nun dasitzen und stehen, aufführen werden. Das Glücksgefühl, das ich hatte, weil ich Teil von diesem grossen Ganzen sein würde.

Nun spricht Etrit, unser Slam-Poet. Ich folge seinen ersten Worten und sehr schnell bin ich gerührt, denn er versteht es vorzüglich, die Idee der Komposition mit den aktuellen geopolitischen Geschehnissen zu verknüpfen. Achtung, Pippi-in-den-Augen-Alarm. Meine Tochter würde sagen: «Mama, jetzt heulst du schon wieder!». Es berührt mich, dass ich das Glück habe, inmitten dieser Crew sitzen zu können und mich nicht sorgen zu müssen, dass mein Leib und Leben bedroht sind. Schnell versuche ich, meine Konzentration wieder auf die Musik und meine Einsätze zurückzulenken, und werde im nächsten Moment wieder «geflasht», dieses Mal vom Gesang der Sopranistin Anna und dem Bariton Felix. Wer hätte gedacht, dass wir uns nicht künstlich zurücknehmen müssen, um ihre Stimmen immer noch zu hören? Profis halt. Ich spüre die Spannung des Publikums und bedauere sehr, dass ich mich nicht zweiteilen kann, um auch vom Zuschauerrang sämtliche Geschehnisse auf der Bühne verfolgen zu können. Aber natürlich verhalte ich mich professionell und folge nicht dem Bedürfnis, meinen Kopf in alle Richtungen drehen zu wollen, um nur nichts zu versäumen. Insbesondere die Choreografien der Tänzer und Tänzerinnen würden mich interessieren und auch die Bildinstallationen. Konzentration zurück, Einsätze nicht verpassen, mit den Kollegen und Kolleginnen die Intonation abstimmen. Oh, der Schwan auf dem Weg in den Kochtopf erklingt und schon wieder ein Wordrap von Etrit. Dieses Mal heiter und lustig. Unfassbar, was wir heute dem Publikum bieten. Und schon sind wir wieder bei «O Fortuna», den Anfangs- und gleichzeitig auch Schlussklängen der «Carmina Burana». Wo ist die Zeit geblieben, wir sind schon wieder am Ende. Hoffentlich ist Ruth zufrieden mit uns, hoffentlich ist uns das Publikum gnädig. Der Schlussapplaus setzt ein, nun die Reihenfolge der verschiedenen zu beklatschenden Gruppen noch beachten, der Moment zum Durchatmen ist gekommen. Orchestrierter Abgang. Wow, was für ein Kraftakt für all die Organisatorinnen, Betreuer, Coaches und Technikerinnen. Allen voran Ruth – sie muss wohl die Eigenschaft haben, die ich gerne hätte: Sie kann sich klonen oder sie kann einfach zaubern. Es muss so sein, sonst könnte man doch so eine Aufgabe mit so einer Leidenschaft und Energie gar nicht stemmen, oder? Ruth, du bist einfach spitze! Was für ein Projekt für uns alle auf und hinter dieser Bühne! Und ich immer noch mittendrin.

Dankbar packe ich zusammen und fahre nach Hause. Ja, Netflix, du wirst auch weiterhin am Donnerstagabend auf mich verzichten müssen. Ich hab nämlich einen Termin in Winterthur. Danke Stadtmusik, dass ich ein Teil von Dir sein darf.

– Angela Diethelm-Wachter